
Nicht mehr zeitgemäß - Das Musterexemplar des großen Brockhaus liegt schwer und edel in der Hand und man erliegt einer Sekunde lang vielleicht dem Gefühl: das Wissen der Welt ist soviel Geld sicher wert. Der große Name flößt Vertrauen ein und ganz ohne Selbstironie lautet der Werbeslogan Brockhaus. Die Antworten. Ein Buch also mit den Antworten, wenn das mal keine 5000€ wert ist.Der große Name ist bei der Standardausführung in goldenen Lettern auf das Leder geprägt und da niemand ihn übersehen darf, auch noch mal auf der Titelseite (ebenfalls in Gold, auf beides hat der Verlag bei der Künstleredition zum Glück verzichtet). Ach ja, oben sind die Seiten auch mit einer Goldfolie überzogen, damit - wie der Verlag erklärt - der Staub die Seiten in, sagen wir mal, 40 Jahren nicht durch Stockflecken schädigt. Und spätestens hier beginnt die große Illusion zu bröckeln: wer um alles in der Welt interessiert sich denn in 40 Jahren noch für diesen Brockhaus, der so aussieht, als gedenke er in alle Ewigkeit nicht zu veralten? Gut, mag man sagen, viele Informationen veralten ja nicht. Nur dann kann man auch die alte Ausgabe von 2001 kaufen, die derzeit für 350€ verscherbelt wird. So einen Preisverfall schaffen noch nicht einmal Oberklasselimousinen! Und wer mit noch älteren Enzyklopädien zufrieden ist, bekommt sie oft in der weiteren Verwandschaft sogar geschenkt - da nützt der Goldschnitt überhaupt nichts. Etwas anders sieht es mit den Künstlerausgaben aus, die erfahrungsgemäß auch nach Jahren noch hohe Preise erzielen. Aber dies habe ich nicht in die Rezension einfließen lassen, weil ich den Brockhaus hier als Buch und nicht als Kunstwerk bewerte und der hohe Sammlerpreis nicht durch die Langlebigkeit des Inhaltes entsteht. Ich will den Brockhaus an sich gar nicht schlecht machen: er ist um Ausgewogenheit bemüht, er enthält meistens umfassende Literaturlisten und mittlerweile auch beeindruckende Animationen, Musik- und Bildanhänge. Und von Spaßvögeln wie bei Wikipedia bleibt man auch verschont. Wer jetzt die Enzyklopädie kauft, wird viel Spaß damit haben. Die Frage ist nur, bis wann. Und ob die Fehlerquote wirklich niedriger ist als bei Wikipedia, glaube ich solange nicht, bis man es mal untersucht hat. Bei der Enzyklopedia Britannica hat man herausgefunden, dass Wikipedia kaum mehr Fehler enthält! Hier scheint der Vorteil der Masse zu greifen, denn 1 Million von Augen sehen einfach mehr als die gewissenhaftesten Fachredakteure eines kleinen Teams. Und hier waren 300 000 Artikel zu bearbeiten! Das kann nur mit Qualitätseinbußen einhergehen, die sich so äußern, dass entweder die Literaturhinweise teilweise nicht aktuell sind, falsche Zahlen sich einschmuggeln, man mal der Meinung der Sekundärliteratur vertraut, wo man besser noch mal nachgelesen hätte oder viele Artikel wahrscheinlich überhaupt nicht überarbeitet - wer wollte den Redakteuren dies verdenken? Ich empfehle dringend, sich vor dem Kauf die Themen zu suchen, in denen man sich leidlich auszukennen glaubt und die Artikel zu den entsprechenden Stichworten in der Enzyklopädie zu lesen. Dann bekommt man am leichtesten heraus, was ein Lexikon leisten kann und was nicht.Dabei wäre die Lösung einfach: man stellt die gesamte Enzyklopädie kostenplichtig im Internet zur Verfügung und bietet Lesern die Möglichkeit, Korrekturen an die Redaktion zu melden. So handhabt es übrigens der Verlag derzeit mit dem großen Taschenlexikon von Meyer, dass zudem sogar kostenlos benutzbar ist. Den Inhalt der EB kann man für 51 € im Jahr nutzen, bei Brockhaus gibt es derzeit nichts Vergleichbares. Für Leute, denen es wichtig ist, ein Buch in der Hand zu halten, könnte es einen billigen Ausdruck geben. Allerdings wird sich hier nicht mehr als 99€ auf Dauer durchsetzen, denn in spätestens 2 Jahren, will man entweder einen neuen Ausdruck haben oder liest nur noch die Internetversion. Für Telefonbücher, die 140 € kosten, und in Gold und Leder daher kommen, gibt es schließlich auch keinen Markt - und erst recht nicht für eine doppelt so teure Telefonbuch-Künstlerausgabe. Ein Lexikon veraltet im Zweifelsfall sogar noch schneller. Ach ja, und noch eine Illusion wird hier verkauft: es handelt sich natürlich nicht um ein Kompendium des Wissens, sondern ein Kompedium des Interesses der Deutschen. Das gesammelte Wissen der Menschheit würde alle Bücher der Welt nicht füllen. Man muss nur mal den aktuellen Brockhaus mit einer deutschen Enzyklopädie von 1900 vergleichen: hier gibt es kaum noch 10% an Wörtern, die in beiden Vorkommen! Und wo man mal ein gemeinsames Stichwort entdeckt, weicht der Inhalt der Artikel in Stil, Aufbau und Inhalt massiv voneinander ab. In den seltensten Fällen liegt das an dem gewachsenen Wissen. Es sind vielmehr Moden (damals gab es noch erstaunlich viele lateinische Begriffe), natürlich Personen, für die sich niemand mehr interessiert, aber auch veränderte Interessen. Eine ähnliche Differenz wird man vermutlich bei einem Vergleich mit einem französischen Lexikon feststellen. Wie gesagt: es handelt sich bestenfalls um ein Kompendium des bürgerlichen Interesses am Anfang des 21. Jahrunderts. Die Welt wird einem so nicht aufgeschlossen (das gelingt eher mit einem alten Lexikon). Was Brockhaus also verkauft, ist eine Illusion: ein vermeintliches Kompendium des Weltwissens für das Jahrhundert. Den Ärger über den rasanten Alterungsprozess des Inhalts gibt es gratis dazu.